... Dahin - Die kleinen Insel im Nordpazifik ...

Der Tag neigte sich seinem Ende und die letzten, wärmenden Sonnenstrahlen hüllten die kleine Insel im Nordpazifik in ein tiefrotes Licht. Kein Lüftchen regte sich und es schien, als könnte nichts diese Ruhe stören. Leise schlugen die Wellen der Brandung an den Küstenstrand, an dem sich einige Möwen lauthals um einen Fisch stritten. Ein Schafhirte vertrieb sich die Zeit mit einem uralten Flötenspiel, das er von seinem Urgroßvater erlernt hatte. In dem Fischerdorf am Südende der Insel herrschte Totenstille und es schien, als sei es schon seit Jahren unbewohnt.

Doch der Schein trügte...

Die Männer, Frauen und Kinder des Dorfes saßen in ihren kleinen Hütten und verzehrten ihr kümmerliches Abendmahl, das aus wenigen Händen Reis und Wurzeln, die sie Tags zuvor gesucht und ausgegraben hatten, bestand. Seit jenen Tagen, da der Krieg begonnen hatte, waren sie nicht mehr satt geworden und bangten jede Stunde , jede Minute, jede Sekunde um ihr und das Leben ihrer Kinder, Verwandten und das ihrer ganzen Dorfgemeinde. Sie verfluchten die Soldaten, die schon die 7 anderen Nachbarinseln überfallen, ausgeplündert, ihre Bewohner erschossen oder einfach nur verstümmelt, sie dann ihrem Schicksal, einen grausamen und qualvollen Tod überlassen hatten. Sie beteten in jenen Monden mehr als jemals zuvor. Sie baten Gott, der ihnen als einziges noch Schutz und Geborgenheit zu versprechen schien, um seine Hilfe und dass er ihnen gnädig gesonnen sei, wenn sie an seine Tür, den gewaltigen Einlass des Himmelreiches, klopften, dass die Tore in die Ewigkeit und des Glückes ihnen nicht verschlossen blieben, und er die Welle der Zerstörung und der Brutalität stoppen möge.
Die Sonne legte sich schlafen und die Nacht tauchte das Land in ihr tiefschwarzes Abendkleid, auf dem unzählige Sterne genäht waren. Als die Nacht ihr tiefstes Schwarz erreicht hatte wurden die Sterne, in ihrer leuchtenden Pracht, von dunklen und bedrohlich wirkenden Gewitterwolken beschattet...
Ihre Schritte waren leise, kaum zu vernehmen. Sie waren gegen 3 Uhr morgens auf der kleinen Insel angekommen und befanden sich nun auf dem Weg zum Fischerdorf. Sie hatten es gegen 4 Uhr erreicht, als das Gewitter sich plötzlich vernehmen ließ. Nun musste es schnell gehen, bevor noch jemand erwachte...
Wie Schakale schlichen sie sich durch das Dorf. Plötzlich ertönte ein Pfiff.
Sie drangen alle gleichzeitig in die Häuser der Dorfbewohner ein. Sie wollten niemandem eine Chance geben, mit heiler Haut davon zukommen.
Ein greller Blitz zischte über dem Dorf und ein ohrenbetäubender Donnerschlag erfüllte den Morgenhimmel, als der erste Schuss fiel und sein Opfer mitten in den Kopf traf und in ihm zur Ruhe kam. Durch den Knall aufgewacht, sahen die Menschen in die Augen ihrer Peiniger. Die Kinder schrieen wild durcheinander. Selbst die Frauen und Männer, die sich sonst aufs äußerste beherrschten, erhoben ihre Stimme.
Einige Frauen warfen sich schützend auf ihre Kinder, um sie vor den Kugeln der Angreifer zu bewahren. Andere flehten um ihr und das ihrer Kinder Leben. Wiederum andere Frauen boten sich dem Feind, in der Hoffnung so überleben zu können, an. Die Männer des Dorfes gingen auf die Soldaten los, was jedoch nichts nützte. Sie führten eine ausweglose Schlacht gegen eine Übermacht, die sie nicht zu bezwingen vermochten. Sie waren ihrem Feind hilflos ausgeliefert. Schließlich gaben sie auf und ließen ihrem Schicksal freien Lauf. Das ganze kleine Fischerdorf wurde von den Soldaten vernichtet.
Niemand überlebte das Blutbad auf der „Kleinen Insel im Nordpazifik“.
Zurück blieb ein kahler, leerer Fleck der Zerstörung. Doch schon im nächsten Frühling blühten Tulpen und Vergissmeinnicht an jenen stellen, an denen damals die kleinen Kinder spielten.
Nach vielen Jahrzehnten waren auch die letzten Überreste des Dorfes von einer wunderschönen Blumenpracht überwuchert.
Und die Geschichte der „ Kleinen Insel im Nordpazifik“ ging aus den Köpfen der Menschen verloren und wurde von den Wellen des Vergessens mitgerissen, in ein neues, unbekanntes, fernes Land...

1996